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Kniepassschriften 29/2010

Das Kalchofengut Unken vor dem Hintergrund unserer globalisierten Welt.

Globalisierung ist die weltweite Vernetzung unseres Lebens. Am deutlichsten erleben wir dies bei der Informationsübermittlung. Was immer an Besonderem irgendwo auf der Welt passiert,  wird uns am Abend über den Bildschirm ins Haus geliefert. Mit der Geschwindigkeit ist alles kleiner geworden. Die weite Welt hat gleichsam dörflichen Charakter angenommen: man kennt sich und wird erkannt.


Im weiten Feld der Wirtschaft schreitet die Globalisierung besonders zügig voran. Die Wirtschaftssubjekte werden größer, sie sind weltweit ausgelegt, sie peilen in allen Kontinenten jene Märkte an, die viel Gewinn versprechen. Soziale Rücksichtnahme ist dabei nicht gefragt. Auch regionale Interessen sind nachrangig. Es wird nur das optimiert, was sich rechnet. Verantwortung für Werte, die über das Geschäft hinausreichen, zählt wenig.


Die Globalisierung hat mittlerweile so gut wie alle Lebensbereiche erfasst. Dieser Prozess wird in den nächsten Jahren noch schneller und intensiver.  Es ist daher verständlich, dass es bereits viele Gegner der Globalisierung gibt. Sie weisen zu Recht darauf hin, dass mit der Größe der Durchblick schwindet und sich ein Gefühl des Ausgeliefertseins einstellt. Spekulanten wittern ihr Geschäft. Die Gier treibt ihre Risikobereitschaft in schwindelnde Höhen. Sie scheuen vor nichts zurück, wenn es um Geld und Gewinn geht.
Der radikale Kern der Globalisierungsgegner sieht in dieser Entwicklung die Wiederkehr eines zügellosen Kapitalismus, verbunden mit Ausbeutung und Verarmung von Menschen, vor allem in der Dritten Welt.


Die Globalisierung ist aber auch auf eine Sprache angewiesen, die möglichst weltweit verstanden wird. Englisch ist hiefür am besten geeignet. Englische Wörter und Ausdrücke sind bereits in alle Sprachen eingedrungen, wobei die weltweite Computeranwendung eine der stärksten Antriebskräfte ist.


Man wird der Globalisierung nicht durch pauschale Ablehnung gerecht, man dient der Globalisierung aber auch nicht dadurch, dass man sie kritiklos bewundert. Wir alle sind jedenfalls von ihr erfasst und beeinflusst, unabhängig davon, ob es uns passt oder nicht. Wachsamkeit ist geboten. Was aber ist zu tun?


Auf die Frage, wie sich etwa eine Region, in unserem Falle der Pinzgau, gegenüber der Globalisierung verhalten und schließlich einstellen soll, kann es nur eine generelle Antwort geben: der Teil darf nie im Ganzen aufgehen, er muß vielmehr durch seine Eigenart und Unverwechselbarkeit dem Ganzen die Uniformität nehmen. Anders ausgedrückt: unser Ziel kann nicht ein gleichmäßig global gemähter Rasen sein, wohl aber eine weltweite Wiese mit Tausenden von schönen und bunten Blumen, an deren Pracht sich die Leute in den jeweiligen Gegenden vor allem selbst und mit ihren Gästen aus aller Welt erfreuen.


Grundlegend wichtig ist dabei ein Selbstwertgefühl, das aus der Geschichte, der Kultur und Sprache maßgeblich erwächst. Nur wer die Vergangenheit in ihrer Vielfalt wenigstens einigermaßen kennt, weiß um das Gegenwärtige und entwickelt Ideen für das Zukünftige. Ohne Herkunft keine Zukunft, heißt es. Die Geschichte des Pinzgaus ist nicht nur gut erforscht sondern auch in vielen Heimatmuseen vorzüglich präsentiert, wie beispielsweise in Bramberg, Neukirchen, Mittersill, Kaprun, Saalfelden, Leogang, Unken, Lofer, Rauris oder Saalbach. Die Geschichte des Gaues muss als gepflegte Tradition in den Köpfen, in den Familien, in den Schulen, bei Vereinen und bei öffentlichen Festen und Feiern leben.
Eduard Spranger, der große Denker, sprach von „Heimat“ als geistigem Wurzelgefühl. Darum geht es. Ohne Wurzeln verdorrt jedes Lebewesen. Was am Baum zu beobachten ist, gilt auch für uns Menschen. Die Kenntnis und die Beachtung der Tradition  schützen uns vor Verfälschungen, denen man mittlerweile bereits häufig begegnet. Es sind dies die unechten Ausdrucksformen des Brauchtums, die Verfremdungen in unserer Baukultur, Lebensweisen, die als modern begriffen werden und doch nur nachgeahmt sind, Wörter und Ausdrücke, die unverstanden übernommen und oft peinlich angewendet werden.


Das Kalchofengut kann in unserem Zusammenhang als ein einmalig erhaltenes Element einer überkommenen sichtbaren Geschichte erachtet und bewertet werden. In den letzten fünfzig Jahren wurden nahezu alle Bauernhöfe umgebaut. Dagegen ist deswegen nichts einzuwenden, weil dadurch den Bewohnern zeitgemäße Wohnverhältnisse und Arbeitsbedingungen verfügbar wurden. Umso mehr sind wir aber auch verpflichtet, jene wenigen Ausnahmen des Althergebrachten aus vielen guten Gründen zu achten, zu pflegen und auf besondere Art nutzbar zu machen. Das Kalchofengut in Unken ist das einzige Bauernhaus im Saalachraum des mittleren Pinzgaus, das nahezu unverändert geblieben ist. Deshalb setzte sich auch das Bundesdenkmalamt für dessen qualitätsvollen Weiterbestand ein. Helmut Adler, der hoch verdiente Heimatpfleger, sammelt einst, gleichsam in letzter Minute, bäuerliche Möbel und Geräte sowie Kult-, Kunst- und Kulturgegenstände der altbäuerlichen Welt, um sie mit Liebe und Ehrfurcht museal zu präsentieren. Den entscheidenden Schritt für die „Zukunft des Alten“ setzte aber Josef Leitinger. Seiner Initiative ist es zu danken, dass nunmehr das Kalchofengut im Besitz des Museumsvereins ist, der es erhält und mit passender Funktionalität versieht. Sein Museumskonzept ist klug bedacht, weil es die Menschen einbezieht und nicht bloß konserviert, was gewiss auch wichtig ist. Die Gemeinde Unken und viele Bewohnerinnen und Bewohner der Gemeinde, jüngere und ältere, haben den Wert dieses Gutes erkannt uns sich in den Dienst einer guten Sache gestellt. So fanden sich auch externe Helfer und Förderer von Salzburg bis Vaduz im Fürstentum Liechtenstein, die von der Ambition der örtlichen Aktivisten beeindruckt sind. Je weiter wir in einer stürmischen Entwicklung unserer Zeit vorankommen, desto mehr werden alte Perlen wie das Kalchofengut an Bedeutung gewinnen und unsere Verbundenheit mit der eigenen Geschichte festigen. Jeder Mensch braucht Stützen, an denen er seine Identität festmacht, um sicher bestehen zu können. Wir alle brauchen Halt und Beweglichkeit in einem. Es gibt keinen Sinn, die Zukunft zu beklagen, sondern nur den Willen, sie unbeschädigt zu meistern.


Wenn sich unser Land, vornehmlich unser Pinzgau, vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Globalisierung richtig positionieren will, dann muß  zuerst und vor allem der heimatliche Raum nachhaltig genützt und in wohlverstandener Weise auch geschützt werden. Der Pinzgau ist ein Naturjuwel. In der Sprache der Alten ist es der Raum zwischen Steinbergen, Grasbergen und Keesbergen, von zwei Hauptflüssen, Salzach und Saalach, mit ihren Nebengewässern, talschaftlich gegliedert, von Becken, wie vornehmlich in Zell am See und Saalfelden, siedlungsgünstig geweitet. Es ist ein Gebiet von faszinierender Schönheit im vielfältigen Kleid einer Hochgebirgsnatur, die sich immer anders zu den einzelnen Jahreszeiten darstellt und den ausgedehnten Siedlungsflächen, besonders aber den exponierten Einzelgehöften, herrliche Ausblicke eröffnet, wohin der Blick sich wendet. Wir sollten die globale Gunstlage des Pinzgaues erkennen und darauf in geziemender Weise stolz sein.


Auch in einer globalisierten Welt müssen zuerst die natürlich vorhandenen heimatlichen Bestände genutzt werden. So bleibt die landwirtschaftliche und damit landschaftspflegerische Tätigkeit grundlegend wichtig, unabhängig von ihrem Anteil an der Wirtschaftsleistung der Region. Wirtschaftlichkeit ist zwar immer anzustreben, kann aber nicht der einzige Wertmaßstab für menschliches Handeln sein. Die Urproduktion ist bisweilen in Gefahr, bedrängt oder über  billigere Importgüter ersetzt zu werden.  Im Nahrungsmittelbereich wird dies aber dann nicht eintreten, wenn wir unsere Milch, die Milchprodukte, den Speck, das Rindfleisch, das Tauernlamm, die Eier und das Gemüse aus unserer naturnahen Produktion vorzugsweise selbst genießen und unseren Gästen berechtigt als bekömmliche und gesunde Nahrung anbieten. Gerichte aus heimischer  Erzeugung sollen sich aber auch auf den Speisekarten unserer Wirtshäuser, Hotels und Restaurants finden und solche Speiseangebote ersetzen, die das Fleisch aus der argentinischen Pampa mit  Ananas aus Hawai kombinieren. Der „globalisierte Gast“ will die „heimische Mast“, vor allem dann, wenn sie so gut ist wie die bodenständige Pinzgauer Kost. Aber bekommt er sie auch überall im Gau?


Das Nützen spielt sich aber in unserer Zeit in Gewerbe, Industrie und in den Dienstleistungen des Tourismus ab. Die enorme Bedeutung dieser wirtschaftlichen Tätigkeiten für die Beschäftigung der Menschen, für deren zeitgemäßes Einkommen und Auskommen, entbindet uns aber nicht von der gebotenen Sorgfalt im Umgang mit der Natur, in deren Antlitz sich menschliches Wirtschaften abspielen muß. Der Raumordnung und der Baukompetenz in den Gemeinden  kommt eine entscheidende Rolle zu. Fehlleistungen sind in aller Regel nicht mehr zu korrigieren. Verfahren sollen zügig abgewickelt, dürfen aber nicht sorglos im Umgang mit der Natur und mit Betroffenen erledigt werden. Ein mehrmaliges und nochmaliges Bedenken und Hinsehen ist besser als Verzögerungen, die sich aus mangelndem Mut der Politik gegenüber einsichtslosen Demonstranten mit bloßem Verhinderungswillen ergeben.


Zum Nützen gehört aber auch das Schützen. Diese Einsicht war im Pinzgau nicht leicht durchzusetzen. Im Gelingen des Nationalparkprojektes haben sich die Pinzgauer schließlich als ökologisch sensibel und für die Zukunft höchst verantwortlich erwiesen. Immerhin stehen mit dem Nationalpark Hohe Tauern, der in Salzburg eine Fläche von 804 km2 aufweist, im Pinzgau 663 km2, oder ein Viertel der Gaufläche, unter strengem Naturschutz entsprechend den Bestimmungen für die 5 km2 Sonderschutzgebiete, die 425 km2 Kernzonenbereiche und die 237 km2 Außenzonen. Zählt das Land Salzburg mit über 10 % Nationalparkfläche zu den führenden Nationalparkländern der Welt, so gilt dies noch viel mehr für den Pinzgau. Da die Größe der Parkfläche aber auch mit der Güte übereinstimmt, gilt es, dies zu nützen. Der Nationalpark Hohe Tauern, dessen Errichtung ich zu meinen nachhaltigsten politischen Aktivitäten zähle,  ist mittlerweile auch international anerkannt, er war aber von Anfang an global herzeigbar. Seine Attraktivität besteht einerseits in der grandiosen Vielfalt seiner Hochgebirgsnatur, andrerseits in der Verzahnung mit einer naturnahen Nutzung über Generationen durch bäuerliche Menschen. Sie demonstriert das behutsame Miteinander des Menschen mit der Natur. Dieser Vorzugsraum, dessen Qualität auch in der Zukunft erhalten werden wird, ist geeignet, Menschen aus aller Herren Ländern die Pracht der Natur und die Vernetzung ökologischer Zusammenhänge in der Tier- und Pflanzenwelt auf der Bühne der leblosen Natur mit der Verantwortung des Menschen in der Mitte zur eindrücklichen Erfahrung und zum bleibenden Erlebnis werden zu lassen. Mit dem Nationalpark Hohe Tauern hat der Pinzgau die Chance, sich global einzigartig zu präsentieren. Dabei kann vor allem aufgezeigt werden, dass der gesamte Naturraum des vergletscherten Hochgebirges in den Tauern einschließlich der in ihm wurzelnden westlichen und mittleren Tauerntäler die gegebene Natürlichkeit bewahren wird. So wird jedenfalls in diesen Bereichen unseres Landes die Einheitlichkeit der Zeit aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft am Beispiel eines geschützten Raumes deutlich. Weil hier die Veränderung des Raumes durch den Ablauf der Zeit gleichsam verlangsamt ist, ergibt sich besonders für den  heimischen Menschen selbst die Chance, über ein so grandioses Element der beschaulichen Ruhe und Stille die innere Ausgeglichenheit und die persönliche Bindung mit dem angestammten Raum zu finden und zu erhalten.


Zur Ursprünglichkeit des Raumes zählt aber auch die mundartliche Sprache des Menschen. Unter dem Einfluss der Globalisierung wird die sprachliche Ausdrucksfähigkeit zum einen vergrößert und zum anderen verändert, nicht selten leidet die Wertschätzung gegenüber dem Dialekt. Dem gilt es massiv zu begegnen. Die Pflege der Mundart wird dann gelingen, wenn in den Köpfen der Leute, bei jungen und alten, Kindern, Männern und Frauen, der Dialekt etwas gilt, wenn die Schule darauf achtet, die Umgangssprache ganz selbstverständlich gaubezogen bleibt und auch alle lokalen Schattierungen der Ausdrucksweise als schön und wertvoll empfunden werden. Wir wollen natürlich unsere Gäste gern und herzlich ansprechen, aber wir haben keinen Grund, deren Sprache mit aller Gewalt nachzuäffen. Uns dient die Hochsprache als Schriftsprache und bisweilen als einziges Verständigungsmittel. Es ist aber auch für den Gast reizvoll, uns in der Ursprünglichkeit des echten Dialekts zu erleben, nur nicht in der Kunstsprache eines „Esperanto-Dialekts“ oder in abwegigen Betonungen gewisser Journalisten und Moderatoren.


Und was das Wichtigste ist: wir sollten der Globalisierung selbstbewußt begegnen, uns nicht eineben und vereinheitlichen lassen, sondern das bewußter bleiben, was wir sind: Pinzgauer

Prof. Dr. Hans Katschthaler,  Landeshauptmann a.D., 5651 Embach im Pinzgau